Übergang statt Ende
Die letzten 24 Stunden - Was würden Sie tun, wenn Sie nur noch einen Tag zu leben hätten?
Die Frage, was man tun würde, hätte man noch 24 Stunden zu leben, ist wohl eine der intimsten, die man überhaupt stellen kann. Das eigene Leben schießt mir durch Kopf und Herz – auch Dinge, die man auf jeden Fall noch einmal machen wollte und nicht mehr möglich sind – wie eine Reise mit der Familie ins Heilige Land. Die Frage ist wie eine geistige Übung, was im Leben mir wirklich wichtig ist.
von Martin Rothweiler
Heilige würden wohl antworten: „Ich verbringe den Tag einfach so, wie ich ihn sonst auch gelebt hätte.“ Schlafen könnte ich wohl nicht mehr – Gott sei Dank brauche ich nicht viel Schlaf. Ausgiebig duschen würde ich, um hellwach zu sein und jeden Augenblick, jede Begegnung ganz bewusst wahrzunehmen und zu leben. Wahrscheinlich schwingt auch die äußere Reinigung mit, die dazu gehört, wenn man sich auf ein großes Ereignis vorbereitet. Am liebsten würde ich wohl jeden Moment festhalten, irgendwie verewigen können.
Die Nachricht einer 24-stündigen Lebensfrist würde mich aber zuallererst bewegen, mit Gott das Gespräch zu suchen und ihn zu bitten, mir Kraft für den Tag zu geben und ihn so zu leben, dass er anderen, vor allem meiner Familie, nicht zur Bedrückung wird. Vielmehr sollen Freude, Dankbarkeit, Vergebung, Versöhnung, Liebe und Trost für die, die zurückbleiben, den Tag kennzeichnen. Es wird eine Art Lackmustest meines Glaubens an Christus sein, dass Tod nicht „Ende“ bedeutet, sondern „Übergang“.
Meine Familie, meine Frau und unsere Kinder, würde ich an diesem Tag natürlich am allerliebsten in meiner Nähe wissen. Und es wäre sicher eines der schmerzlichsten Dinge, sollte ich einen von ihnen nicht mehr in die Arme schließen oder nicht einmal mehr sprechen können. Als Menschen aus Leib und Seele brauchen wir diese konkrete physische Begegnung. Ich würde mit allen gemeinsam und auch mit jedem Einzelnen dieser großartigen Menschen sprechen. Dank, Freude, Bitte um Vergebung und Gebet, Fest-im-Glauben- Stehen, Hoffen, Vertrauen auf die Liebe Gottes, die durch Christus den Tod überwunden hat: das wäre der Grundtenor dessen, was ich ihnen sagen möchte. Ja, es werden in meiner Vorstellung auch Tränen fließen, aber nicht Tränen der Hoffnungslosigkeit, sondern Tränen, die man nur weinen kann, wenn man einander liebt und fest daran glaubt, dass Gott in seiner Barmherzigkeit uns ein Wiedersehen bei Ihm schenkt. Wir werden vielleicht ein ausgiebiges gemeinsames Frühstück genießen, wie es an manchen Wochenenden möglich war oder auch ein gemeinsames Mahl. Für mein Lieblingsessen, den provençalischen Schmortopf meiner Frau, der bei uns am Heiligabend Usus ist, wird wegen der Vorbereitung die Zeit nicht reichen. Aber das Zusammensein ist dabei ohnehin das Wichtigste. Ein gemeinsamer Spaziergang am Rhein und auf dem Rodderberg, um sich an der wunderbaren Natur noch einmal zu erfreuen – Erholung pur –, gehörte auch zu meiner „Bucket List“.
Natürlich würde ich meine Eltern, meinen Bruder und einige Freunde anrufen, ihnen für alles danken, ein wörtlich gemeintes „Aufwiedersehen“ sagen und mich freuen, wenn ich sie noch einmal sehen könnte. Auch sie würde ich ums Gebet bitten, dass ich Barmherzigkeit bei Gott finde. Befreundete Priester und Klöster würde ich ebenso in den Gebetssturm für meine Familie und mich einschalten. Einfach fantastisch, dass es die Kirche gibt. Jene Realität zum Anfassen, die Christus uns hinterlassen hat, und durch die wir in den Sakramenten sinnenhaft spüren dürfen, dass Er bei einem jeden von uns ist.
So wäre an meinem letzten Tag eines der ersten Dinge, die ich tun würde, das Telefonat mit einem befreundeten Priester. Ich würde mich mit ihm für ein Beichtgespräch verabreden. Die Versöhnung mit Gott und den Menschen im Sakrament der Beichte ist wohl eines der großartigsten Geschenke, die man sich vorstellen kann, wenn man sich auf die letzte große Reise zubewegt. Danach würde ich mit Familie und Freunden die Heilige Messe feiern wollen. Und natürlich würde ich um das Sakrament der Krankensalbung bitten. Der Empfang dieser konkreten Hilfsangebote Gottes wären mir ungemein wichtig. Das gemeinsame Rosenkranzgebet würde vielleicht den Abschluss der 24 Stunden bilden. Wenn man selbst nicht mehr kann, und andere einem ihre Stimme leihen, in die man selbst vielleicht nur noch innerlich einstimmen kann, ist das eine große Stütze.
Ein wenig Zeit für mich allein benötigte ich wohl auch und würde so etwas wie ein kleines Vermächtnis für meine Familie schreiben wollen. Ob es so kommen wird, wenn der Ernstfall eintritt? Der liebe Gott schenkt mir hoffentlich die Kraft dazu.









