Wer würde neuer Bundespräsident?



Christian Wulff kämpft um sein Amt. Doch hinter den Kulissen hat in Berlin bereits eine Debatte über mögliche Nachfolger begonnen. Dabei gilt Joachim Gauck als der große Favorit – allerdings nur auf den ersten Blick. 

Joachim Gauck ist ein grandioser Redner, ein Mann mit Haltung und Ethos, ein tapferer Kämpfer gegen DDR-Unrecht und für die Freiheit, er ist über alle Parteien hinweg respektiert. Gauck ist ein wunderbarer Querkopf gegen die verlogene politische Korrektheit, der Mut zur eigenen Meinung hat, und sei es die Verteidigung von Thilo Sarrazin.


Aber genau da beginnt das erste Problem. Gauck ist derart autonom und kantig, dass er im politischen Betrieb wahrscheinlich ähnlich scheitern dürfte wie einst Paul Kirchhof oder Horst Köhler. Die politische Klasse aber braucht nach der doppelten Bundespräsidentenblamage von Köhler und Wulff eine Personalie, die auch über die Zeit funktioniert.


Das zweite Argument, das gegen Gauck spricht, ist das politische Kalkül der Parteien. Die Linkspartei hasst ihn, die SPD mag ihn nur, um die CDU vorzuführen. Inhaltlich ist Gauck so weit von der SPD entfernt wie Heiner Geißler von der CDU. Union und FDP wiederum hätten mit Gauck zwar endlich einen echten Vordenker, doch ist er nun mal der Ex-Kandidat der Opposition. Würde er jetzt Bundespräsident, dann wäre das für Schwarz-gelb eine schwere strategische Niederlage. Die Logik der Machtpolitik spricht also gegen Gauck  – zumal es gut sein kann, dass er gar nicht mehr will. Sein hohes Alter und das unwürdige Schauspiel um Wulff könnte dazu führen, dass der weise Freigeist sich diesen Job nicht mehr antun möchte.


Darum kursieren in Berlin bereits alternative Namen. Der erste heißt Norbert Lammert. Der Bundestagspräsident wollte schon beim letzten Mal unbedingt ins Schloss Bellevue wechseln, er ist ein guter Redner, im politischen Konsens-Spiel hoch erfahren, ein Superprofi und vom Karriereverlauf wie der aktuellen Gemengelage geradezu geschaffen für das Amt des Bundespräsidenten. Doch hat er sich nach der letztmaligen Enttäuschung gegenüber Angela Merkel verhalten wie ein enttäuschter Liebhaber – mit eitlen Dauersticheleien. Das dürfte ihm nun den Wechsel verderben.

Der ewige Bundespräsidentenkandidat


Ursula von der Leyen hätte hingegen Merkels Rückendeckung. Sie stand schon nach dem Köhler-Rücktritt vor dem Sprung ins höchste Staatsamt und würde wohl eine glänzende Bundespräsidentin abgeben. Deutschland von einer weiblichen Doppelspitze, von zwei so unterschiedlichen wie starken Frauen repräsentiert – das wäre ein Gender-Faszinosum der eigenen Art. Ihr Problem ist freilich das eigene Lager; sie hat – vor allem bei der CSU – innerparteiliche Feinde. Die schwarz-gelbe Mehrheit in der Bundesversammlung ist aber nur noch hauchdünn, so dass man jede Stimme bräuchte. Das machte ihre Kandidatur riskant.


Gleiches gilt für Wolfgang Schäuble, der nach seiner Dauerfehde mit den Liberalen Probleme im Wahlgang bekäme. Er hat die FDP solange wie eine Schulbubentruppe behandelt, dass sie ihn nun nicht mehr zum Staatsdirektor wählen könnte. Eher noch würden sie Edmund Stoiber präsidial adeln, was wiederum Horst Seehofer zu verhindern wüsste.


Und so kommt der ewige Bundespräsidentenkandidat ins Rennen: Klaus Töpfer. Der legendäre Umweltpolitiker würde bis hinein zu den Grünen Akzeptanz finden und Angela Merkel zugleich eine strategische Schneise für eine etwaige schwarz-grüne Zukunft schlagen.


Die SPD hat angesichts dieser Perspektive kein großes Interesse, Wulff wirklich loszuwerden. Sie braucht die rot-grüne Machtoption dringend und will erst einmal die Wahl in Schleswig-Holstein gewinnen, um dann mit einer neuen Mehrheit in der Bundesversammlung eine eigene Kandidatin – etwa Margit Käßmann - aufzubauen.


Fazit: Die Konstellation der Machtpolitik könnte Christian Wulff das Amt retten. Wäre da nicht die Bild-Zeitung...


Quelle: Handelsblatt online, Weimers Woche, 06.01.2012

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