Über die Verhunzung der deutschen Sprache
Die Deutschen möchten anscheinend am liebsten eines: keine Deutschen sein. Darum auch geben sie ihren Kindern alle möglichen exotischen Vornamen, ganz egal, wie lächerlich sie auch klingen mögen. Und das setzt sich bei der täglichen Sprache fort: Wenn man nur die Fernsehzeitschrift aufschlägt, wird man erschlagen von Filmtiteln wie „Forgotten“, „Evil End“, „Guess Who“ … So, als wollte man scheibchenweise die deutsche Sprache abschaffen. Das passt auch manchen ganz gut in den Kram – keine Nationen und Völker mehr, keine eigene Identität – nur noch Konsumenten!
von Marco Meng
Deutsch als Landessprache in der Verfassung festzuschreiben, so wie fast alle anderen Nationen das mit ihren Sprachen ganz selbstverständlich getan haben, mag zwar nicht das größte oder dringendste Problem sein, welches einer Lösung harrt – überfällig ist es aber allemal. Dass nach Deutschland Eingewanderte und deren Kinder zuweilen kaum Deutsch können, es auch nicht lernen und sich damit in Parallelgesellschaften isolieren, ist die eine Seite der Medaille; die zweite ist, wenn Deutsche selbst ihre Sprache Schritt für Schritt, fast unbewusst, abschaffen, indem sie sie mit Anglizismen überladen. Wenn im „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel“ von einem Treffen von deutschen Verlegern zu lesen ist, bei dem es unter anderem „um den zwischenmenschlichen Workflow“ gegangen sei, muss man sich an den Kopf fassen.
Was man vor gar nicht langer Zeit einen „Waschbrettbauch“ nannte, heißt seit Kurzem „Six Pack“, einkaufen geht man auch nicht mehr, sondern „shoppen“, und wurde gestern noch abgesagt, so wird heute „gecancelt“. An die nervigen Beschriftungen „Sale“ (Verkauf) an Schaufenstern hat man sich fast schon gewöhnt. (Gibt es eigentlich auch Geschäfte, die nichts verkaufen?)
Aber auch staatlicherseits möchte man solchem Gefasel nicht nachstehen. Kein Witz: Zum Tag der Deutschen Einheit hatte die Stadt Berlin im Jahr 2008 Werbefahnen über dem Brandenburger Tor flattern lassen mit albernen Texten wie: „Power for peace – Power for unity – Power for understanding“.
Ist die deutsche Sprache ein Auslaufmodell? Nein. Deutsch ist genauso wenig altmodisch wie Spanisch, Italienisch, Russisch oder Französisch, vielmehr ist es eine ausdrucksvolle, reichhaltige Kultursprache. Die Philosophie Kants, Schopenhauers oder Heideggers sind darin verfasst, ganz zu schweigen von Werken wie die E.T.A. Hoffmanns, Heinrich Heines oder Herta Müllers. Und überhaupt: Warum muss denn alles auf Englisch sein? Weil es eine wichtige Wirtschaftssprache ist? Dann müssten wir, die Zukunft im Auge, eigentlich damit beginnen, chinesische Ausdrücke bei uns einzuführen.
Durch den Gebrauch englischer (eigentlich: amerikanischer) Ausdrücke möchte man sich „international“ geben – wer aber einige Zeit in verschiedenen anderen Ländern gelebt hat, der weiß, dass es dort kein frenglisch, spenglisch, renglisch usf. gibt. Nur hier ist man so blöd. Das sah anscheinend auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer so, der Anfang des Jahres in seinem Ministerium ein striktes „Denglisch“- Verbot erlassen hat. Das bisherige „Travel Management“ heißt dort seitdem wieder „Reisestelle“, und statt „Task Forces“ gibt es wieder „Projektgruppen“.
Als die ersten Pisa-Ergebnisse eine mangelhafte Sprachbeherrschung deutscher Schüler verrieten, hat man nicht damit geantwortet, dass man den Deutschunterricht ausgebaut hätte, sondern man führte in der Grundschule das Unterrichtsfach Englisch ein. Kein Wunder, dass sich die Uniprofessoren beschweren: bei Seminararbeiten sind etwa ein Viertel sprachlich mangelhaft. Wohlgemerkt: bei Leuten, die alle Abitur und mindestens 12 Jahre lang Deutschunterricht genossen haben.
Und dabei ist es keineswegs so, dass sie ihr schlechtes Deutsch durch gute Englischkenntnisse ausgleichen würden. Die schlechte Beherrschung der eigenen Muttersprache scheint also vor allem eines widerzuspiegeln: eine grassierende Bildungsarmut. Schuld daran hat auch die Schule selbst: Im Unterrichtsfach Deutsch scheinen die Lehrer den Schülern die eigene Sprache seit Jahrzehnten vermiesen zu wollen, indem sie die langweiligsten Texte und Bücher aus der Mottenkiste kramen: „Kassandra“ und andere deprimierend zähe Schriftwerke werden da durch- und wiedergekaut. Nichts, was einem jungen Heranwachsenden wirklich den Spaß an der deutschen Sprache vermitteln würde. Dabei gibt es wunderbare Texte in deutscher Sprache.
In der Europäischen Union gilt Deutsch als eine der drei Arbeitssprachen, wird aber nicht angewendet – weil die deutschen Politiker keinen sonderlichen Wert darauf legen. Und das, obwohl es in der EU die meistgesprochene Muttersprache ist. Im Gegenteil: Baden-Württembergs damaliger Ministerpräsident Günther Oettinger, der die eigene Sprache zum Feierabenddialekt degradieren wollte, meinte, Deutsch bleibe die Sprache der Familie und der Freizeit (er hatte das wohl mit Schwäbisch verwechselt), die „Arbeitssprache“ aber sei Englisch. Das hatte er ja dann mit seinem berühmt gewordenen Gestammel bei der EU eindrucksvoll bewiesen – und wurde damit zur Lachnummer im Internet.
Weil gemäß solcher Politiker Deutsch international an Bedeutung verliert, wird so getan, als sei es wichtiger, vor allem englisch zu können. Inzwischen haben die meisten deutschen Firmen mit internationaler Betätigung Englisch zu ihrer „Corporate Language“ bestimmt. Dabei könnte man durchaus Deutsch als erste Geschäftssprache beibehalten, auch wenn man mit Kunden auf Englisch oder in deren eigener Sprache kommuniziert (denn selbst wenn international das Englische „weitverbreitet“ scheint, heißt das noch lange nicht, dass man es überall, ob in Russland, China, Brasilien und anderswo auch wirklich gut beherrscht).
Das Problem bei der Plastiksprache Denglisch ist, dass diejenigen Plastikgesichter, die am liebsten damit um sich werfen, Englisch eigentlich kaum beherrschen und Deutsch mehr oder weniger radebrechen. Und so kamen witzige Ausdrücke zustande, die zwar Weltgewandtheit vorgaukeln, aber gerade das Gegenteil beweisen: Ein Ladenbesitzer etwa taufte die Umhängetasche in „body bag“ um: So kommen manche Soldaten aus Afghanistan heim, im Leichensack nämlich. Und das so beliebte „public viewing“ ist bei Amerikanern die öffentliche Aufbahrung von Toten.
Freilich, es geht nicht darum, die deutsche Sprache „rein“ zu halten, denn es gibt keine „reine Sprache“; doch die eigene Sprache, die Quelle und Ausdruck von Kultur und Identität ist, mutwillig mit fremden Vokabeln zu panschen, als könnte man es nicht mindestens genauso treffend ohne sagen, hat inzwischen geradezu erbärmlich absurde Ausmaße angenommen. Wir erfinden englische Wörter, um sie hier zu gebrauchen: „Handy“, „Showmaster“ und „Evergreen“ z. B. gibt es im Englischen/Amerikanischen so gar nicht.
Der Duden, einst das Maß aller Dinge, wenn es um die deutsche Sprache ging, arbeitet hier fleißig mit. Wenn Lehrer sagen: „Schlag im Duden nach“, so findet man hier längst kein gutes Deutsch mehr, da der Duden nur noch den statistisch überwiegenden Sprachgebrauch auflistet, selbst wo er nach bisheriger Vorstellung grammatisch falsch oder stilistisch bedenklich ist. Und eine Warnung fügt er grundsätzlich nicht hinzu. Benutzt aber wird der Duden wie eh und je: als Maßstab für das Richtige. Tatsächlich also erhebt er die Fehlleistungen der Sprachfaulen zur Norm und setzt damit eine Teufelsspirale in Gang, die die Sprache in die Tiefe zieht.
In Spanien, Italien, Frankreich, Russland und vielen anderen Ländern spielen die Radiosender überwiegend Musik mit Texten in der Landessprache (die es, wie gesagt, bei uns verfassungsmäßig noch nicht einmal gibt). Wir treten hingegen beim Grandprix an mit einem – natürlich englischen Text. Und bitte hört auf mit dem „deutsch ist so schwer zu singen“ und ähnlichem millionen Mal widerlegten Blödsinn: Der Grund, warum englisch gesungen wird, ist einfach der, dass man meint, damit mehr Geld zu verdienen. Lieder mit deutschem Text möchten vielleicht nicht so viele in Großbritannien oder sonstwo hören. Mag sein. Rammstein und wie sie alle heißen, verkaufen aber sehr wohl Platten im Ausland, mehr sogar als in Deutschland – und das ohne englisch klingendes Kauderwelsch.
Brauchen wir also ein Gesetz wie in Frankreich, wo Anglizismen verboten und französische Ersatzbegriffe vorgeschrieben sind? In Frankreich jedenfalls wurden „Computer“, „Walkman“, „Ketchup“ und dergleichen 1994 offiziell abgeschafft. Seither muss es in Werbe-, Medien- und Behördentexten „ordinateur“, „balladeur“ und „tomatine“ heißen.
Für Computer oder Walkman ein deutsches Wort erfinden, ist das nicht „Deutschtümelei“? Nein, denn die Franzosen, Spanier, Isländer, Finnen und wer auch immer tun das ja auch. Wäre es wirklich so schlimm, den „Computer“, den schließlich ein Deutscher erfunden hat, „Rechner“ zu nennen und statt „Laptop“ z. B. „Klapprechner“ zu sagen? Selbst die urdeutsch anmutenden Vokabeln „Abstand“, „Anschrift“ und „Vertrag“ wurden im 17. Jahrhundert von dem Dichter Philipp von Zesen erfunden als Ersatz für „Distanz“, „Adresse“ und „Contract“. Die eigene Sprache hat eben nichts mit Folklore zu tun, sondern umgekehrt hat die mutwillige Verwendung von fremden Sprachfetzen etwas mit Lächerlichkeit zu tun.
„Weekend feeling“, „Adventure“ und „Romantic Dreams“. Eine der Hauptquellen und Hauptverbreitungswege von Englisch durchsetztem Deutsch ist die Werbung. Sie zielt ganz klar auf den Nachahmungseffekt vor allem junger Menschen, das heißt im Klartext, es findet durchaus eine Manipulation statt, nicht nur, was das „Werte“- und Kaufverhalten junger Leute betrifft, sondern eben auch deren Sprachschatz. „Designed to make a difference“ klingt allerdings eher wie eine leblose Worthülse, während „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ tatsächlich etwas vermittelt.
Die Fernsehsender haben die Werbesprache zumeist schon übernommen, so wird ja auch nicht mehr vom Straßenfeger geredet, sondern vom „Blockbuster“.
Wirklich so wenig Allgemeinwissen bei den Fernsehmoderatoren vorhanden? Dass Pressemeldungen von englischsprachigen Agenturen oft nur schlecht ins Deutsche übersetzt werden, führt nicht nur dazu, dass es hier von Anglizismen oder englischen Wendungen wimmelt (z. B. das immer häufiger verwendete „in 2010“, statt „im Jahr 2010“), sondern auch dazu, dass sogar inhaltlich die Nachricht inkorrekt wiedergegeben wird. Das ist auch der Grund, weshalb man bei manchen Meldungen fast kotzen muss, wofür wohl das Neudeutsche „Breaking News“ steht.
Klammheimlich scheint sich mit der Anbiederung an den amerikanischen Slang zu allem Überfluss noch die entsprechende Mentalität hier breitzumachen, und das beschränkt sich nicht nur auf Fastfood-Essen, sondern entwickelt sich allmählich zu einem Fastfood-Denken. Insbesondere in der Wirtschaft gilt alles als nachahmenswert, was aus den USA kommt (ein Land mit enormer Kriminalitätsrate, Millionen Strafgefangenen, Hunderttausenden Obdachlosen, einer Rekordstaatsverschuldung von mehr als 13 Billionen Dollar und unterdurchschnittlich gebildeter Bevölkerung).
Kein Wunder, dass es mittlerweile keine Berufe und keine Arbeit mehr gibt, sondern nur noch „Jobs“: „hire“ und „fire“ (einstellen und feuern), das sind die neuen Management-Methoden, die der Staat mit seinen „Jobcentern“ auch noch absegnet. Verwunderlich ist es angesichts all dessen nicht, dass auch die neuen Berufsbezeichnungen inzwischen „modern“ daherkommen, weltgewandt à la „Global Player“, d. h. sie klingen hochtrabender als ihre deutschen Synonyme, und zeigen klar, wie verlogen das denglische Gewäsch eigentlich ist: ein Hausmeister wird zum „Facility Manager“ und der Verkäufer im Laden zum „Shop Agent“. Wem solche Titel gefallen, der lässt sich eben gern auf den Arm nehmen.









