
Editorial Ausgabe 87-88
von Michael Müller
Liebe Leserinnen und Leser,
die Frage ermüdet und strotzt vor Selbstmitleid: Wie kann man denn bloß in diesem heidnischen Deutschland, laizistischen Europa, in dieser gottlosen Welt überhaupt noch Weihnachten feiern? Deutschland ist nicht heidnisch und die Welt nicht gottlos! Wenn es auch gottferne und offenkundig schlimme Entwicklungen in Europa gibt, und wenn auch aktuelle „deutsche Zahlen“ Stöhnern und Unken neue Nahrung schenken: Mehr als 50 % aller Ehen werden heute geschieden. Seit 1990 hat sich die Zahl der Katholiken in Deutschland um knapp 2,5 Millionen verringert. Immer weniger Menschen werden getauft, gefirmt, gehen zur Kommunion. 1950 besuchten 50 % der Katholiken die Sonntagsmesse, heute noch 12 %. Gemeinden werden zusammengelegt, Kirchen und Priesterseminare geschlossen.
Das Positive sehen!
Starker Tobak, klarer Trend! Da lässt sich wenig „interpretieren“. Also: „Um so mehr auf das Positive zeigen“, fordert mancher. Recht hat er, aber wo? Oft muss man zur Lupe greifen. In Köln hat sich jemand bekehrt, in Münster gibt es eine großartige Gebetsinitiative junger Leute und in Dresden trifft sich ein neuer Priesterkreis. Natürlich wird man müde, immer wieder solche „Kleinigkeiten“ hochzujubeln, während die Volkskirche stirbt und Minarette Kirchtürme ersetzen. Trotzdem sollte der Blick genau diesen unscheinbaren christlichen Biotopen und Ereignissen gelten. Jede persönliche Bekehrung nämlich ist ein dramatisches Ereignis, wobei ein spektakuläres christliches Massenereignis völlig belanglos sein kann.
Also, so unscheinbar es auch sein mag, auf Positives hinweisen. Redakteuren, Priestern und Politikern für mutige Statements und Berichte telefonisch oder per Mail danken! Das schenkt Mut zu mehr! Erlauben Sie mir, einige andere „Mutmacher“ zu benennen:
„Mutmacher“
1. Sonntags besuchen immer noch weitaus mehr Christen ihren Gottesdienst als Fans in alle deutschen Fußballstadien strömen. Sogar die gigantische TV-Werbemaschinerie in Sachen „Fußball“ konnte dies bislang nicht ändern. Auch ganz interessant: Selbst in der bitteren Nachkriegszeit besuchte laut obiger Statistik nur jeder zweite Katholik die Messe. „Früher“ war also auch nicht alles golden.
2. Die „neue“ Priestergeneration trägt wieder schwarz, schätzt die Sakramente mehr als theologische Scharmützel und ist dem Papst und der Kirche loyal gegenüber. Ebenso wollen junge Gläubige nicht mehr stets über Zölibat, Frauenpriestertum und Verhütung „belehrt“ werden, sondern suchen nach Glaubenswahrheiten und Lebenssinn.
3. Die deutsche Kirche, und nicht nur der böse Zeitgeist oder die gerne zitierte von Gott aus Europa „abgezogene Gnade“, trägt Mitschuld am unzweifelhaften Sterben der Volkskirche. Angemessene Kritik an klerikaler Anbiederung und kirchlicher Lust an der Selbstzerfleischung gab es genügend. Doch man lächelte nur mitleidsvoll über jene „Mahner“, während man selbstverliebt den Mief aus den Kirchen ließ. Und endlich „neue Formen“ schuf – die sich recht bald für viele Kirchenbesucher als unerträglich entpuppten: Albernes Gehabe, überzogenes „Einbringen“ der Laien und „Einbeziehen“ der Kinder sowie stetes Wettern gegen Rom, gegen die Bischöfe und katholisches Glaubensgut, miese Stimmung und Nörgeln „intra muros“ – all das hat viele Katholiken verunsichert und verärgert.
Viele Menschen fühlten sich nicht mehr ernst genommen, wenn sie sonntags an den fröhlichen Gemeindetreffen teilnahmen, bei denen vier Katechetinnen mit vielen bunten Zetteln um den Altar kreisten, Pinnwände hin- und herschoben, der Priester irgendwo teilnahmslos dabei saß, um später mit selbst kreiertem Ritus zu überraschen, man stets lächelnd sang, sich dabei befreit an den Händen hielt und erlöst strahlte, wenn möglichst viele Kleinkinder im Mittelgang tobten. Das war keine kernige Kirche mehr, die sie da erlebten, sondern albernes und undiszipliniertes Getue so mancher Beseelter. Wie sollten hier Ehrfurcht, Gottesgröße und Mysterium spürbar werden? Und für welchen jungen Mann soll denn der Priesterberuf noch attraktiv sein angesichts der Demokratisierung von Pfarrstrukturen und der Frauenpower in den Pastoralteams, die den Geistlichen häufig zum Komparsen degradieren?
Dann jene relativistische Glaubenssicht, die nur noch den frischen Quell, guten Hirten und die grüne Au kannte, und nicht mehr genauso Gebote und Sünden, Tod und Teufel sowie das Drama des einzelnen persönlichen Lebens. Diese systematische Verdrängung elementarer Glaubenssubstanz hat vielen Gläubigen die Überzeugung genommen, der Glaube sei existentiell und fundamental. So blieb man fortan sonntags lieber im Bett, wenn die Sonntagsglocke läutete.
Auch das macht Mut: Hat Christus uns „Friede-Freude-Eierkuchen“ und einen bequemen „deutschen Verbandskatholizismus“ verheißen? Hat er uns bequem zu erreichende Gotteshäuser gleich um die Ecke und prunkvolle Akademien und Tagungshäuser versprochen, in denen man gespannt Vorträgen über „Psychische Nöte in der Midlife Crisis“ oder „buddhistische Momente im Schamanentum“ lauschen kann, Frauengruppen töpfern und liturgisch tanzen dürfen? Sprach er von „flächendeckenden katholischen KITAs“? Von einer Massenbegeisterung für IHN? Oder eher von Ärgernis und Torheit, Leid und Unrecht?
Selbstmitleid und Nörgelei
Die „fetten Jahre“, sie mögen vorbei sein. Doch hat die Finanzkrise manch positive Seite: Schmilzt der Apparat, so kann der Blick auf die wesentlichen und eigentlichen Aufgaben der Kirche wieder ungetrübter werden: Seelsorge, Sakramente, Apostolat. Und sicher haben wir alle noch die Worte des Papstes über die Gefahr der „Verweltlichung“ im Ohr. Also, blicken wir nicht auf all die leeren und halbleeren Krüge, sondern auf die halbvollen und vollen Gläschen! Sorgen und Nöte kannten die Menschen in allen Zeiten. Auch zu Weihnachten. Meist schlimmere als heute. Als Christus geboren wurde, litt Judäa unter der römischen Knute. Und unsere Großeltern und Eltern haben manche Weihnacht hungrig und frierend gefeiert. Und doch bot Weihnachten, wenn wir den „Alten“ glauben dürfen, stets die Chance zum Durchatmen, zur Freude, zum Auftanken. Ein Geheimnis – und doch keines. Denn der christliche Glaube spricht den ganzen Menschen an. Nicht nur den Verstand, auch Herz und Gemüt. Und dazu gehören Tannenbaum und Krippe daheim. Sie sind Reichtum, kein spießbürgerlicher Nippesmythos.
Ständig in Selbstmitleid zu verfallen, Hoffnung und Zuversicht zu verlieren, ständig über die „ach so gottlose Zeit“ zu jammern, es bringt nichts – außer schlechter Laune und Melancholie, unter der unsere Umgebung dann häufig leiden muss. Zudem: So gottlos ist unsere Zeit nicht. Nur lässt sich Gott nicht täglich in die Karten schauen. Und er braucht unsere Hände. Mit ihnen sollten wir mitmischen und nicht bloß über die „große Bühne“ lamentieren. Sondern dankbar sein, dass wir unsere „kleine Bühne“ als Biotop und unsere Glaubens- und Gewissensfreiheit erleben dürfen. Deshalb alleine schon sollten wir der Weihnachtsfreude eine Chance geben. Ob es gelingt, das hängt nicht vom Weltgeschehen oder Weihnachtsmarkt ab, sondern allein von unserer inneren Bereitschaft. Und von unserem gesunden „Egoismus“, Weihnachten so zu feiern, wie wir das wollen oder von unseren Eltern „gelernt“ haben. Ungeachtet unserer Umgebung und aller Umstände.
Beichten gehen
Und hier ist es dann doch noch, das „böse Zauberwort“, das kaum jemand noch auszusprechen wagt. Denn es gehört nun einmal zu Advent und Weihnachten: die Beichte, eines der sieben Sakramente! Manch einer will „umkehren“, neu anfangen. Wie geht das? Ganz konkret: indem man beichten geht. Wer Weihnachten ernst nimmt, der sollte sich hierauf mit einer guten und ehrlichen Beichte vorbereiten. Vielleicht erstmalig wieder seit Jahren oder Jahrzehnten.
Wer die Beichte scheut, weil er nicht so recht weiß, was er sagen soll, der kann getrost auf die Hilfe des Priesters vertrauen. Und wer sich ganz einfach schämt, der sollte wissen, dass das Bekenntnis, das niemandem leicht fällt, die eigentliche Buße ist. Vertrauen, neu anfangen – und beichten gehen! Wer den Arzt besucht, der wäscht sich zuvor. Wer ein Fest feiert, der putzt seine Wohnung. Und wer Weihnachten den Herrn empfängt, der sollte zuvor seine Seele reinigen. Dann wird sie tiefer, diese Freude auf Weihnachten. Auch hier sollten wir vor allem „das Positive“ sehen: die Beichte ermutigt, neu anzupacken! Vor allem die eigenen Schwächen.
Frohe Weihnachten!









