Claudia, Jürgen, Renate – mir graut’s vor euch!

 

von Carsten Ostrowski

Die Öko-Tyrannei des „gestaltenden Staates“ schafft eine häßliche Welt voller Windräder, Solardächer und Energiesparlampen.

Lohnt es sich, in einer hässlichen Welt möglichst lange gesund und munter zu sein? Oder werden von Dämmstoffen entstellte Altbauten, mit Windrädern verschandelte Landschaften und triste, von Energiesparlampen beleuchte Wohnzimmer mehr Menschen krank machen als schlechte Luft?

Schon jetzt hat der grüne Zeitgeist das Land in der Regel nicht schöner, sondern unansehnlicher gemacht. Die ersten Nutzer von Solarenergie haben mit fast missionarischem Eifer jene Häuser ruiniert, die ihnen ihre fleißigen Eltern und Großeltern vererbt haben. Von wenigen Avantgarde- Bauten abgesehen, die bislang ausschließlich für Multimillionäre entstehen, ist das Solardach ein Furunkel der Baukultur. Wer Besitzer schöner Altbauten auf ihre Solarbeulen anspricht, trifft in der Regel auf einen Stolz über selbst erzeugte Kilowattstunden, der keinerlei „oberflächliche“ Krittelei duldet. Wie jeder moralische Eifer vertraut auch die ökologisch korrekte Raserei auf die inneren Werte, die auch widrigste Verpackungen akzeptiert.

Ein Ende der grünen Erfolgssträhne ist nicht in Sicht. In Baden-Württemberg regiert nun ein grüner Ministerpräsident. Grün und Rot wollen hier ein „weltoffenes Baden-Württemberg“ schaffen. Der am 27. April der Öffentlichkeit vorgestellte 85-seitige Koalitionsvertrag mit dem Titel „Der Wechsel beginnt“ bildet die Grundlage für die künftige grün-rote Landesregierung unter der Führung von Winfried Kretschmann. Die Koalitionäre wollen „verändern, wo es notwendig ist, manches anders und vieles besser machen“. Eigentlich nicht überraschend, was die Ideologen hier einführen möchten: Der Vorrang der Ehe vor anderen Partnerschaftsformen soll abgeschafft werden. Lesben, Schwulen, Bisexuelle und Transgender sollen gleich gestellt werden.

Die Schulen sollen dazu angehalten werden, „dass in den Bildungsstandards sowie in der Lehrerbildung die Vermittlung unterschiedlicher sexueller Identitäten verankert wird“. Ferner strebt die Koalition eine „neue, an den vielfältigen Lebensrealitäten von Eltern und Kindern orientierte Familienpolitik“ an. Zentrales Leitbild sei, dass Frauen und Männer Beruf und Familie miteinander vereinbaren können.

Für Kinder unter drei Jahren soll der Rechtsanspruch auf frühkindliche Bildung und Betreuung ab August 2013 ohne Wenn und Aber umgesetzt werden. Beabsichtigt ist der Ausbau von Kindertageseinrichtungen zu Kinder- und Familienzentren. Kindertagesstätten sollen zu wichtigen Einrichtungen in der Kommune oder im Quartier werden. Außerdem beabsichtigt die Koalition Gemeinschaftsschulen einzuführen, in denen alle Kinder bis zur Klasse 10 gemeinsam unterrichtet werden. Sie sollen stärker individuell gefördert werden, um die Klassenziele zu erreichen.

Auch im Bund könnte schon in zwei Jahren ein grüner Kanzler herrschen. Vielleicht gar ein Jürgen Trittin. Es wäre ein Grund, das Land zu verlassen. Es lohnt sich also, bis in die letzte Konsequenz zu antizipieren, wie ein solcher Politikwechsel das Land verändern könnte.

Wer einen Boris Palmer auf einem Kongress der „taz“ mit Sportwagenfahrern ins Gericht gehen hört oder Frau Künast in einem Interview über SUV-Fahrer liest, ahnt, wie der grüne Hase läuft beziehungsweise mit dem Fahrrad fährt. Für alle anderen gelten Tempolimit, höhere Steuern und jede Menge Regulierung. PS-Freunde könnten ihren Spaß haben, aber nicht auf Kosten der Allgemeinheit. „Die Umerziehung zum ewigen Biker würde dagegen wohl auf Kosten der Allgemeinheit finanziert. Der Ökomanichäer dämonisiert die Autobahn, um den Radweg zu glorifizieren. Mit dem geplanten Tempolimit würde einer der letzten Orte der Republik verschwinden, an denen Deutschland weniger reguliert ist als der Rest der Welt“, kommentiert Ulf Poschardt in der „Welt am Sonntag“.

Die intellektuellen Stichwortgeber der anstehenden Politikwende lassen keinen Zweifel an der Drastik des Wandels. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung, angeführt von Hans Joachim Schellnhuber, fordert den Umbau der Zivilgesellschaft. „Das Haus der Menschheit ist marode und muss dringend saniert werden“, raunt Klimaforscher Schellnhuber, „Wir brauchen eine Revolution zur Nachhaltigkeit.“ Wie schön, die nächste Revolution! Den zeitgenössischen Dämmungswahnsinn hat eine schwarz-gelbe Regierung zu verantworten. Was passiert wohl mit unseren Lebensräumen, wenn sie in die Hände überzeugter Revolutionäre geraten? Die Dämmung als „Burka fürs Haus“ (FAS) würde noch schneller zur Regel.

Schellnhuber ersehnt einen „gestaltenden Staat“, und in dieser Wortwahl kommt autoritäres wie kreatives Wollen zusammen. Auf dem Cover des Anfang April geforderten „Gesellschaftsvertrags für eine Große (sic!) Transformation“ sieht man Kinderhände aus allen möglichen Ethnien aufeinander ruhen. Visuell sind die neuen Weltgestalter auf der Höhe (beziehungsweise Tiefe) der Benetton-Reklame der Achtzigerjahre hängen geblieben. Ähnlich ergeht es dem Look & Feel der grünen Lebenswelten.

Die Zukunft des Designs, der Architektur wie der Mobilität ist grün. Sie braucht Zeit und Unaufgeregtheit. Und sie benötigt eine gestaltende Gesellschaft, die das aus sich selbst heraus entwickelt und weniger vom Staat verordnet. Das Wahre und Schöne wird nie vom gut Gemeinten befördert. Das Schöne ist nachhaltig, weil es geliebt und bewahrt wird. Deswegen begeistern Energiesparlampen und Hybridautos zurzeit nur Überzeugungstäter. Alle anderen sehen darin nur, was sie sind: Placebos für ein gutes Gewissen. Mir graut’s vor einem solchen „gestaltenden Staat“. Ich habe Angst …