Wo bleiben die Opfer?
von Stanislaus Stammtisch
15 Jahre lang hat Ines S. eisern geschwiegen. 15 Jahre lang hat sie Gewalt, Missbrauch und Erniedrigungen ertragen. Ihr Stiefvater Detlef S. vergewaltigte sie, seit sie zwölf Jahre alt war, und zeugte acht Kinder mit ihr. Das älteste ist heute elf Jahre alt, das jüngste 17 Monate. Alle lebten im 750-Einwohner-Dorf Fluterschen im Westerwald unter einem Dach.
Die Opfer-Anwältinnen berichten von einem wahren Martyrium: Detlef S. arbeitet in jener Zeit als Fernfahrer, ist oft unterwegs. Wenn er zu Hause ist, trinkt er und schlägt zu. Er verprügelt die Kinder und seine Ehefrau mit der bloßen Hand, einem Gürtel, einer Peitsche. Manchmal bis zur Bewusstlosigkeit. Als Ines zwölf Jahre alt ist, fällt er über sie her, missbraucht sie. Ihren Zwillingsbruder penetriert er bereits seit frühen Kindesjahren. Auch an seiner leiblichen Tochter vergeht er sich.
Vor dem Landgericht Koblenz hat das Monster die Vorwürfe bis zum 21. März abgestritten, obwohl er, einem DNA-Test zufolge, mit 99,9 prozentiger Wahrscheinlichkeit der Vater der Kinder, die seine Stieftochter zur Welt brachte, ist.
Szenenwechsel: Mit gesenktem Blick sitzt der wegen schweren sexuellen Missbrauchs angeklagte Beamte Ingo B. (38) auf der Rückbank eines Polizeitransporters, der ihn zum Landgericht Baden-Baden fährt. Glatt rasiert, Brille, Geheimratsecken – der untersetzte Beamte sieht aus wie ein Biedermann. Doch was Ingo B. vor dem Landgericht Baden-Baden gestand, ist so pervers, so widerlich: Der Beamte bestellte in Thailand einen Kinderporno – inklusive Erdrosselungsszenen! Vor dem Richter gab der Verwaltungsoberinspektor aus Erfurt zu, schon seit seiner Jugend pädophil zu sein. Ingo B., Mitglied eines Kinderporno- Ringes, lernte über ein Internetforum Peter R. (59) kennen, der sich dort als Kindermodel-Fotograf ausgab.
Der perverse Beamte gestand vor dem Richter: „Im September 2009 trafen wir uns in seinem Fotostudio in Rastatt in Baden- Württemberg. Für 300 Euro ließ er mich zusehen und fotografieren, wie er Sex mit seiner Stieftochter hatte.“ Sie war zehn Jahre jung. Danach fiel auch Ingo B. über das Kind her.
Es wurde noch abartiger! Im April 2010 bestellte Ingo B. in Thailand besagten Kinderporno. Die Staatsanwaltschaft verlas gestern eine E-Mail, in der die gewünschten Handlungen beschrieben wurden: Ein Mädchen zwischen neun und zwölf Jahren sollte verschleppt, betäubt und gefesselt werden – „mit ein paar Erdrosselungsszenen“, die die Ermordung des Kindes simulieren sollten.
Unter Ausschluss der Öffentlichkeit winselte Ingo B.: „Ich brauche Hilfe.“ Verteidiger Ingo Henkel: „Mein Mandant war in allen Anklagepunkten geständig. Er hat Reue gezeigt und sich entschuldigt.“ Wie schön für die Opfer …
Solche Szenenwechsel ließen sich fortführen. Fast täglich liest und hört man von sexuellem Missbrauch von Kindern – bis hin zum Mord. Es folgen jahrelange Prozesse, Gutachter, Gegengutachter und Psychiater treten auf, kümmern sich neben Anwälten um die Befindlichkeit und die psychische Gesundheit der Täter, die häufig über Jahre bestialische Verbrechen begangen haben. Verbrechen, die sich ein „normaler“ Mensch kaum vorstellen kann.
Wo bleiben die Opfer? Wer denkt an die Eltern missbrauchter oder ermordeter Kinder? Wann stehen sie im Fokus der Öffentlichkeit? Schreiben sie ihre Memoiren oder ihre Peiniger? Natürlich gibt es psychisch kranke Menschen, die behandelt werden sollen. Und ebenso natürlich leben wir in einem Rechtsstaat. Doch brauchen wir wirklich erst einen Til Schweiger, der in Talkshows erfrischend einfach und offen für die Würde der Opfer plädiert und mit den Tätern hart ins Gericht geht? Natürlich, sein Statement war wieder mal „Stammtisch“. Aber was soll es: Wer sich an Kindern vergreift, immer und immer wieder – der gehört „weggesperrt“.
Zum Teufel mit all den psychiatrischen Gutachtern und psychologischen Recherchen, was wohl in der Kindheit der Täter so alles falsch gelaufen sein könnte. Ist die Schuld strafrechtlich bewiesen, so sollte man das Geld für dieses ätzende juristische Tamtam sparen – und den Opfern zukommen lassen. Das muss auch in einem Rechtsstaat möglich sein!
Herzlichst, Ihr
Stanislaus Stammtisch









