Es reicht!

Müssen sich Christen denn wirklich alles bieten lassen?

Jaja, ist schon klar: Der Christ, dem man auf die linke Backe schlägt, sollte dem Schläger auch noch die rechte hinhalten. Trotzdem: Christen sollten ihre Jammer-Mentalität „stets mit dem Rücken zur Wand“ aufgeben, Selbstbewusstsein demonstrieren und mehr in die Offensive gehen. Denn im Gegensatz zu vielen ihrer Feinde haben Papst und Kirche Antworten auf schwierige Herausforderungen unserer Zeit. Also, man darf endlich auch einmal an den zornigen Christus denken, der die Stände der Händler im Tempel verwüstete und sie hinauswarf. Mit Gewalt!

von Carsten Ostrowski

Es ist schon seltsam, mit welchem Furor dem Papst in Berlin begegnet wurde. Man warf ihm hasserfüllt vor, gegen die Schwulenehe zu sein, ereiferte sich darüber, dass er Priesterehen ablehnt, und fand es skandalös, dass ein religiöses Oberhaupt vor dem Bundestag, der ihn selbst eingeladen hatte, reden darf. Wäre die Wucht der Empörung genauso groß gewesen, wenn der Dalai Lama hinter das Pult des Reichstages getreten wäre?

Das geistige Oberhaupt der Tibeter, das auch den Titel „Meer des Wissens“ trägt, predigt gern darüber, wie störend der Geschlechtsverkehr für die Entwicklung des Menschen sei. Die Liebesbeziehungen zu den eigenen Kindern und dem Lebensgefährten sind für den Dalai Lama sogar „eine der Hürden auf dem Weg zu geistigem Frieden“. Die Deutschen mögen ihn trotzdem, lächeln über seine Schrullen und freuen sich, wenn er kommt. Die Gründe für die unterschiedliche Art der Betrachtung (um es gelinde auszudrücken) sind vielfältig: Sie wurzeln in der Anziehungskraft fernöstlicher Exotik, auch in der politischen Korrektheit, mit der man fremden Bekenntnissen begegnet. Schließlich sind sie Ausdruck einer Ahnungslosigkeit bezüglich nicht christlicher Religionen.

Dabei gilt für den Dalai Lama, was auch für einen Imam, einen Oberrabbiner oder eben den Bischof von Rom gilt: Jedem religiösen Führer hängt ein Maß an Irrationalismus an, weil jede Religion das Überirdische auf Erden zu vertreten vorgibt. Man mag dieses Selbstverständnis als Atheist, Agnostiker oder als vernunftbetontes Wesen ablehnen, doch stünde es allen Skeptikern gut an, den Andersdenkenden selbst dann zu respektieren, wenn er mit einem Absolutheitsanspruch auftritt, der jeder monotheistischen Religion eigen ist.

In der deutschen, angeblich so offenen Gesellschaft ist die Toleranz für die katholische
Kirche offenbar im Schwinden begriffen. Viele Empörte vergessen zudem, dass nicht Joseph Ratzinger nach Deutschland kommt, sondern die Verkörperung einer jahrtausendealten Institution. Als solche hat der Papst wie jedes andere Oberhaupt einer Religion drei oberste Pflichten: Er muss die Dogmen seiner Kirche bewahren und verbreiten. Er hat als Oberhaupt der Kirche administrative Verantwortung, die er, wie alle seine Vorgänger auch, primär als Durchsetzung institutioneller Disziplin betrachtet. Schließlich ist er nur auf Zeit Inhaber des ewigen Stuhles Petri. So ob liegt ihm die Kontinuität der Kirche. Als Nachfolger des Apostels Petrus hat Benedikt XVI. nicht die wenigen Deutschen vor Augen, die für die Schwulenehe streiten, sondern die Millionen von Christen in Amerika, Asien und Afrika, die in dieser noch immer ein Werk des Teufels sehen, und vor allem den Bestand der seit Jahrtausenden gewachsenen Kathedrale des Glaubens. Vor ihr ist alles, was uns Zeitgenossen umtreibt, für den Papst von untergeordneter Bedeutung. Ihn deswegen zu kritisieren ist legitim, heißt aber, die Religion als solche nicht mehr zu verstehen.

Trotzdem: Wenn ein Papst, der Werte vertritt, die eine laizistische bis heidnische
Gesellschaft gar nicht mehr begreifen kann (!), auf Kritik und Protest trifft, ist daran nichts auszusetzen. Auch wenn Politiker, der Parlamentsrede von Benedikt XVI. fernbleiben, so ist das nachvollziehbar. Übrigens: es war herrlich zu sehen, wie die Vertreter der Linken, die nach der Papstrede demonstrativ nicht applaudierten, verschämt ihre Handys zückten, um den Heiligen Vater beim Verlassen des Plenarsaales diskret zu fotografieren.

Doch im Internet und auf den Straßen: dieser Hass, diese Blasphemien und schwere
Verletzungen des religiösen Bekenntnisses von Christen sowie ihres Empfindens für Sakrales – ja, gibt es denn keine Grenzen mehr? Vor dem Papstbesuch riefen im Internet mehr als 50 Gruppierungen dazu auf, „Ratzinger und seinen Groupies die Show zu versauen“ und Ihnen keine ruhige Minute zu gönnen. Der Stil dieser Aufrufe war größtenteils so diabolisch wie ihr Inhalt dümmlich war. Da kommt der Stellvertreter Christi, der Papst, der weltweites Ansehen genießt, in seine Heimat – und statt der Hosianna-Rufe erschallte das „Kreuzige ihn“-Gebrüll.

Doch nicht nur den erwarteten „Protest von außen“ gab es, sondern auch die Kirche selbst zeigte sich nicht gerade überall als freudiger Gastgeber. Pater Engelbert Recktenwald schreibt dazu: „Papstbesuch in Deutschland: In Freiburg war ich dabei. Ein Schlüsselerlebnis, das mir klar machte, wie die deutsche Kirche die päpstlichen Bemühungen um eine Glaubenserneuerung zunichte macht, hatte ich am Samstag, als ich kurz vor 18 Uhr auf dem Platz ankam, auf dem ab 19 Uhr die Vigil mit Papst Benedikt stattfinden sollte. Im Rahmen des offiziellen Vorprogramms führten zwei Moderatoren unter den Tausenden Jugendlichen eine Meinungsumfrage durch.

Von der Bühne aus fragten sie per Lautsprecher, der über den ganzen Platz hin hörbar war, ob Homosexualität Sünde sei, ob Frauen zum Priesteramt zugelassen werden sollten, ob vom Papst Veränderungen für die Kirche zu erwarten seien. Antworten konnte die Jugend mit ‚Ja‘ und ‚Nein‘ durch das Hochhalten von grünen und roten Tüten, die zuvor ausgeteilt worden waren. Genüsslich verzeichnete der Spiegel, dem dieser Leckerbissen an Kirchenkritik nicht entgangen war: ‚Die Jugend hatte gewählt: viel Rot für Benedikt, kaum Grün.‘

So wurde in der Diözese des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz die Jugend darauf eingestimmt, nicht etwa offenen Herzens den Worten des Papstes zu lauschen, sondern ihre Reserven gegenüber der katholischen Lehre kundzutun und danach den Papst zu bemessen. Es dürfte klar sein, dass viele der teils noch sehr jungen Vigilteilnehmer, die in diesen Fragen bisher unbeleckt waren, erst durch die Umfrage auf die Idee gebracht wurden, sich glaubensmäßig in Distanz zum Papst zu positionieren. Implizit wurde ihnen suggeriert, dass der Papst nach Mehrheitsmeinungen zu beurteilen sei.“

Hass und Gotteslästerung von draußen, subtile Manipulation und natürlich kritische Worte der üblichen Bedenkenträger (Man sollte langsam Nachfolger für Küng, Geissler
und Ranke-Heinemann aufbauen!) von Christen aus den eigenen Reihen. Alles war vorherzusehen. Nicht vorhersehbar aber war die Begeisterung von hunderttausenden Gläubigen, anerkennende Worte über päpstliche Vorträge und Predigten von jenen, von denen man sie nie erwartet hätte. Und mittendrin, jener kleine weiße Mann, mit seinem gütigen Lächeln, seiner sanften Stimme, seinem unerschütterlichen Glauben und seinem scharfen Verstand. „Was macht es dem Mond, wenn ihn der Hund anbellt.“ Bisweilen ging einem dieses Sprichwort durch den Kopf ...