Fähnchen im Wind


von Stanislaus Stammtisch

Liebe Politiker,

nur gut, dass Ihr alle so kluge Menschen seid. Ihr wisst zu unterscheiden zwischen „Stammtischparolen“, Themen, die „betroffen“ stimmen dürfen und den Problemen, die das Volk wirklich berühren. Oder berühren „dürfen“. Oder berühren „sollen“. Mit geschultem Auge trennt ihr Gutmenschen von Zündlern und Ewiggestrigen.

Ob Eure Analysen der Wahrheit entsprechen, interessiert eigentlich niemanden. Am wenigsten Euch selbst.

Ein Blick auf die beiden großen „Volksparteien“: Wer noch vor Jahren kommentierte, „Multi-Kulti“ sei in dieser Form gescheitert, wer gar Sanktionen forderte gegen Migranten, die in unserem Land alle „Wohltaten“ gerne einsacken, aber sich nicht um ihre eigene Integration kümmern – oder wer gar auf eine schleichende Islamisierung Europas oder Deutschlands hinwies, den hättet Ihr am liebsten gelyncht. Denn er störte: die Ruhe, den Frieden, die Harmonie.

Nun wollten viele von Euch zunächst Thilo Sarrazin lynchen. Bis ihr merktet, dass seine Analyse doch tatsächlich dem Empfinden, den Erfahrungen und der Wahrnehmung des Volkes entspricht! Zugegeben, natürlich des „kleingeistigen“ Volkes. Und dass die so genannte „Basis“ der SPD, also eher die „kleinen Leute“ und „bescheidenen Geister“, Sarrazin nicht aus der SPD ausschließen wollten.

Über 85 % der Deutschen stehen nach vielen Umfragen hinter dem „umstrittenen“ Banker, der das Verbrechen beging, offensichtliche Probleme beim Namen zu nennen. 85 % der Deutschen sind also immer noch oder schon wieder Nazis? Sei’s drum, nun war’s nicht so wichtig, denn jetzt galt „Alarmstufe Rot“: Es ging um eine gigantische Herde „Wahlvieh“. Und schon wich eure Empörung rasch, die Hälse drehten sich und die Fähnchen wurden dem neuen Wind rasch angepasst.

Plötzlich ist das Problem „Integration“ tatsächlich ein Thema. Ja, manch einer denkt gar über Sanktionen nach, sollten die Migranten die Angebote der Politik nicht annehmen. Und über Nacht fordern genau jene CDU-Politiker, die jahrelange mit den Grünen und der neuen Offenheit kuschelten und Kinder am liebsten von der Geburt an in staatliche Krippen einliefern würden, endlich doch wieder konservative, ja christliche Werte stärker zu betonen. Weil ihnen die Wähler davonlaufen. Enttäuscht, frustriert, ja zornig über die neue Profillosigkeit der „christlichen Partei“.

Ja, man könnte gar prognostizieren: Würden morgen eine Million eurer Untertanen auf die Straße gehen, um gegen Abtreibung zu demonstrieren – dann würdet ihr aus „Gewissensgründen“ oder „Wertebewusstsein“ selbst dieses so störende und verhasste Thema urplötzlich nach Jahrzehnten des Schweigens als das „Eure“ neu entdecken.

Pardon, aber was für Charaktere! Welche Weicheier seid Ihr, die ihr eure Meinung ohne Wimpernzucken um 180 Grad postwendend „drehen“ könnt, sobald es um Wählerstimmen oder Pöstchen geht! Und, geradezu herrlich, ohne zu erröten, die neu gewonnene Einsicht mit derselben Eloquenz begründet wie zuvor ihr Gegenteil.

Sarrazin hat eine überfällige Debatte angestoßen – auch wenn er mit seiner „Gene-Analyse“ völlig unnötig übers Ziel hinausgeschossen ist. Sein Verdienst ist aber vor allem, dass er vielen Politikern die Heuchelei- und Opportunisten-Maske vom Gesicht gerissen hat.

Nein, stolz kann man auf Euch nicht sein, verehrte Politiker! Wie immer: von so manchen tapferen Ausnahmen abgesehen!

Herzlichst

Ihr

Stanislaus Stammtisch