Mann, Macho oder Memme?

 

von Esther Schaefer

Erschöpft ließ sich Heiner aufs Sofa sinken. Es stimmte schon, Kinder waren unbezahlbar und ein dankbares Lächeln von Franka oder Carl entschädigte einen für alles. Nichtsdestotrotz waren sie hin und wieder auch ganz schön anstrengend. Vor allen Dingen, wenn er zusehen musste, die beiden ganz alleine durchs Abendprogramm – essen, bettfertig machen, vorlesen, noch was zu trinken bringen, noch mal gerufen werden – zu lotsen. Weil Nicki dienstagsabends halt immer zum Jazztanz ging. Und mittwochs zum Tennis. Donnerstags trafen sich die Mütter aus der Krabbelgruppe dann manchmal. Die sollten schließlich auch mal „was für sich haben“. Neben den Kindern. Klar, das konnte Heiner gut verstehen. Und als Vater, da wollte er sich wohl auch einbringen. Da musste man die Chance sehen. Und sie wahrnehmen. Was hatte denn sein eigener Vater nicht alles verpasst, als Heiner klein war. Ging morgens in aller Frühe zur Arbeit und sah seinen Sohn gerade mal nach Feierabend, um eine Stunde mit ihm zu spielen. Womöglich machte er zuvor sogar noch ein kleines Nickerchen, um abzuschalten. Gut, davon träumte Heiner heute manchmal auch, wenn morgens kurz vor fünf der Wecker ging und eine Nacht beendete, in der er auch noch „Kinderrufdienst“ hatte und mehrmals nach dem zahnenden Carl oder der fiebernden Franka sehen musste.

Nächtliche Wechselschicht

Die „Wechselschichten“ des Nachts hatte Nicki eingeführt. Gut, sie war zu Hause, ging keinem „ordentlichen“ Beruf nach, war (Heiner rief sich gerade noch entsetzt zur Ordnung, bevor er „nur“ dachte) Hausfrau und Mutter, aber das bedeutete ja nicht, dass sie weniger Anrecht auf ungestörten Nachtschlaf hatte als er. Nein, das sah Heiner schon ein. Und wenn er in „seinen“ Nächten manchmal dachte, „Ach, könnte sie nicht mal aufstehen, ich muss doch in einer dreiviertel Stunde sowieso raus. Und zwar, um 9 Stunden arbeiten zu gehen, und nicht zum Mütterbasteln in den Kindergarten!“, dann erschrak er über sich selbst. Er war doch kein Macho! Wollte er auch gar nicht sein! Und den wollte Nicki erst recht nicht. Sie schätzte doch gerade an ihm, dass er so verständnisvoll war, dass er auch mal über sich und seine Gefühle reden konnte. „Starke Männer zeigen Schwächen“ war ein ultimativer Buchtipp, der ihn da wirklich weitergebracht hatte.

Der Mann im Haus

Und er scheute sich natürlich auch nicht, mal das wegzuputzen, spülen, bügeln, was im Laufe eines langen Muttertages so liegen geblieben war. Wie sollte Nicki das auch alles schaffen. Mit den Kindern. Sagte sie selber immer: „Guck doch nicht so vorwurfsvoll nach allem, was liegen bleibt! Fass mit an! Wie soll ich das denn alles schaffen. Mit den Kindern!“ Da hatte sie schon recht. Dass er täglich „Mülldienst“ hatte und nach Feierabend und am Wochenende selbstverständlich körperliche Arbeiten wie Rasenmähen, Holz hacken (Nicki hatte sich den gemütlichen Kachelofen so sehr gewünscht!), Hecke schneiden übernahm, war für ihn keine Frage. Für Nicki auch nicht. „Schatz, du bist doch der Mann im Haus.“ Und an einem guten Tag zwinkerte sie ihm dabei aufmunternd zu. An weniger guten Tagen knurrte sie meist „Mann, bist du endlich zu Hause!“ und drückte ihm bereits in der Diele den quäkenden Carl in die Hand, bevor er überhaupt die Jacke ausgezogen hatte. Dann hatte sie meist gerade noch die Kraft, der plappernden Franka ein gereiztes „Frag den Papa!“ zuzuwerfen, bevor sie sich auf dem Absatz umdrehte, um die Treppe hochzugehen und sich endlich mal ein bisschen hinzulegen. (Hier dachte Heiner wieder sehnsüchtig an das Feierabendnickerchen seines eigenen Vaters.) Oder sie holte die Sportsachen. „Ich muss hier raus!“, schnaubte sie dann meistens. „Du hast es gut! Du sitzt ja den ganzen Tag auf der Arbeit, triffst andere Leute und bist dein eigener Herr.“ Dann fiel die Tür ins Schloss und Heiner blieb betreten zurück. „Tag, Schatz!“, murmelte er ihr dann manchmal hinterher. Und nahm sich vor, ihr nichts von dem unzufriedenen Kunden, dem nörgelnden Chef, der schlechten Stimmung im Büro zu erzählen. Was sollte er sie damit belasten. Ein richtiger Mann muss so was doch mit sich selbst ausmachen können.

Nicki schaltet ab

Bedrückt erinnerte er sich daran, wie er letztens Nickis Wellness-Wochenende versaut hatte. Die Kinder hatten gekränkelt und waren entsprechend unleidlich gewesen, und er hatte eigentlich mehr beiläufig geäußert, dass für ihn am Wochenende wohl weniger an Entspannung zu denken wäre, da er ja am Montag auch noch dieses Projekt für einen Großkunden präsentieren müsste, dessen Gelingen ihm so im Magen läge. „Ja, deine Präsentation! Was hatte ich mich auf das Wochenende gefreut!“, hatte Nicki geseufzt. „Immer denkst du nur an dich. Wärst du ein Kerl, würdest du so was mit dir selbst ausmachen. Und ließest mich EINMAL guten Gewissens meinen Spaß haben. Ich bin schließlich auch mal dran.“ Dran war sie dann leider das ganze Wellness-Wochenende über nicht, als Heiner mehrmals versuchte, sie zu erreichen. Er wollte nur kurz fragen, ob die roten Pusteln, die sich in Frankas Kniekehlen und an Carls Nackenfalten ausbreiteten, wohl Masern sein könnten. Aber stimmt schon, sie wollte auch mal abschalten. Und das ging mit abgeschaltetem Handy natürlich gleich viel besser. Gut aber, dass er sie nicht erreicht hatte. Es waren schließlich gar keine Masern. Irgendwas anderes. Völlig harmlos. Gleichwohl ansteckend. War aber am Montag bei der Präsentation kaum aufgefallen. Heiners wiederholtes Gähnen hatte den Chef da weit mehr gestört. Und es hatte anschließend ein paar zotige Bemerkungen im Kollegenkreis gegeben, was Heiner denn an einem „sturmfreien“ Wochenende wohl den Schlaf geraubt hätte ...

Typisch ...

Als er Nicki abends schmunzelnd von den Frotzeleien erzählte, stellte sie abfällig fest: „Typisch Männer! Denken immer nur an das eine!“ „Schon wahr ...“, dachte Heiner und hörte gleichzeitig eine böse Stimme im Kopf flüstern: „In der Tat wahr, Heiner! Dran denken ist wirklich das Einzige, was in dieser Beziehung überhaupt für dich rausspringt ...“ Hastig hatte er die Stimme mit einem beflissenen „Ach, Schatz, du weißt doch, wie die sind“ zum Schweigen gebracht. Er fühlte sich jetzt noch schlecht, wenn er daran dachte. Oder daran, dass er sich letztens tatsächlich bei dem Gedanken ertappte, warum er Nicki eigentlich immer nur in bequemen Schlabberklamotten sah, dabei hatte sie so schick und aufreizend ausgesehen, als sie vergangenes Wochenende zur Eröffnungsparty im Tennisclub gegangen war. Ganz sehnsüchtig hatte er ihr nachgeblickt, während er Franka über den Kopf strich und Carl auf der Hüfte zurechtsetzte. Aber das waren natürlich nur Äußerlichkeiten. Nicki sagte immer: „Ich denke, du liebst mich wie ich bin. Nicht die Verpackung. Männer sind ja so oberflächlich!“

Ein Traum von einem Mann

Nein, da wollte Heiner schon mehr Tiefe zeigen. Und er selber war ja auch nicht mehr so richtig in Form. Früher war er öfter Laufen gegangen. Oder Squashen. Aber das waren eben Abendtermine gewesen. Und die waren seit den Kindern belegt. Wenn Nicki zu Hause war und er mal gehen wollte, hatte sie ganz richtig festgestellt: „Wie, du willst weg? Und was ist mit uns? Wir sehen uns ja gar nicht mehr.“ Das war doch schön, dass sie ihre freie Zeit mit ihm verbringen wollte. Gut, oft kam dann ein Telefonat mit einer Freundin dazwischen oder Nicki schlief sofort vor dem Fernseher ein. Aber dann betrachtete er sie oft, so völlig entspannt – weil: er hatte ja ein Ohr auf die Kinder – und stellte sich vor, dass sie gerade von ihm träumte. Und er wollte doch gerne Nickis Traummann sein. Mit diesem Gedanken fiel die Tür ins Schloss. Nicki kam vom Tennis zurück. Die Sporttasche noch über der Schulter. Und mit seltsam verklärtem Blick: „Du, wir haben da jetzt einen neuen Trainer im Club: ein Wahnsinnsbody. Und der hat mich vielleicht gnadenlos laufen lassen. Nichts mit Frauenbonus. Und die netten flapsigen Sprüche ... Ein Traum von einem Mann!“